Was ich dem Nachwuchs mit auf den Weg geben möchte

 

Teil II: Tango Traps oder Was es zu vermeiden gilt

 

 

Die “subjektiven” Meinungsmacher

 

Manche Tänzer können ihren Partnern ein schönes Gefühl beim Tanzen vermitteln. Sie können achtsam tanzen und eine Harmonie herstellen, die manchmal eine große Begeisterung hervorruft, so dass dies dazu verleitet, zu behaupten: Das ist aber ein toller Tänzer!

Auch gibt es den Fall, dass ein guter, erfahrener Tänzer mit einem Partner, der viele technische Fehler hat, so tanzt, dass er diese Fehler kompensiert. Das führt dazu, dass sich der Partner, der die Fehler macht, sehr gut fühlt und womöglich seine tänzerischen Fähigkeiten überschätzt.

Doch subjektives Empfinden kann täuschen. Harmonie im Tanz ist wichtig, achtsames Tanzen sehr schätzenswert, aber das darf nicht mit „gut tanzen“ verwechselt werden. Dem Partner ein gutes Gefühl zu vermitteln, das ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, ein guter Tänzer zu sein.

Eine ähnliche Tendenz zur Verwirrung meine ich in Hinblick auf Tanzpaare und Clips ausmachen zu können: Da werden manchmal Clips ge-like-t und geteilt, bei denen ich mich frage, warum machen die Leute das? Denn der Clip scheint mir doch “0815″ zu sein. Manchmal frage ich mich, ob die Leute die Musik im Clip toll finden. Vielleicht erzeugt die Musik bei ihnen ein gutes Gefühl und dieses verwechseln sie mit dem Tanz. Dass ein gutes Gefühl mit dem Produkt selbst verwechselt wird, wissen Marketing-Menschen nur zu gut: Viele Werbe-Clips beruhen darauf. Coca Cola ist z. B. gut darin. Man braucht nur an folgendes zu denken: „You can‘t beat the feeling“ (Song), „Mach dir eine Freude auf“, „Coca Cola is it“, etc.. Und so bekommt man das Gefühl, dass man sich etwas Gutes tut, wenn man eine Cola trinkt. Dass in Cola jedoch nur Müll ist, wissen wir alle.

Man darf das Objektive nicht mit dem Subjektiven verwechseln. Das gilt auch für den Lernprozess im Tango. Denn auch da kann man sich oft täuschen. Manch einer denkt, er kommt gut vorwärts (z. B. bei einem Lehrer, der möglicherweise die Aufmerksamkeit nur auf das subjektive Empfinden lenkt anstatt objektive Maßstäbe zu verwenden), dabei tappt man auf der gleichen Stelle. Dass man ein gutes Gefühl bei einer Sache hat finde ich schon wichtig, aber es kann ein schlechter Berater sein, wenn man auf objektive Maßstäbe verzichtet. Denn das subjektive gute Gefühl lässt sich steigern, wenn man tänzerisch erst einmal in bestimmte Sphären vorgedrungen ist – und dann wird man nie wieder zurück wollen. Nur dringt man mit Subjektivität allein nicht in diese Sphären vor.

 

 

Die Dogmatiker

 

So wie in der Wissenschaft Erkenntnisse charakterisiert und kategorisiert werden, so werden in der Kultur Verhaltensmuster, Routinen und Traditionen gepflegt. Dies ist auf der einen Seite gut, doch oft werden daraus Aussagen abgeleitet, die verallgemeinert, für absolut gehalten und zu Dogmen erklärt werden. Wenn diese auf Halbwissen beruhen und die Menschen unempfänglich sind für neuere Erkenntnisse, dann sehe ich darin eine Gefahr.

Verhaltensmuster und kulturelle Errungenschaften können einen weiteren Nachteil mit sich bringen: Sie distanzieren und isolieren. Wenn ein neues Mitglied in eine Community rein kommt, muss es erst einmal viele Prozeduren durchlaufen und sich möglicherweise zu allen Dogmen erst einmal bekennen. Dies kann eine Gefahr darstellen, wenn dadurch Entwicklungen verhindert werden. Und wenn diese Community aus Konservativen und Dogmatikern die Oberhand bekommt, fühlen sich Freigeister unerwünscht. Tango braucht jedoch diese Freigeister für seine Entwicklung. Man denke in der Musik an Piazzolla (oder Pugliese) und im Tanz an Todaro (oder auch Naveira), die den Tango maßgeblich beeinflusst haben.

 

 

Die Socializer

 

Wenn man beim Tango andere Leute kennenlernt, wenn man sich vernetzt und gemeinsam von einer Milonga zur nächsten zieht, dann macht das sicher Laune. Doch ich sehe darin auch eine Gefahr, ich nenne das die „Socializing-Falle“. Denn wenn man richtig gut werden will, dann sollte man sich von Freizeitgestaltern, die von Event zu Event ziehen wollen, nicht vereinnahmen lassen. Events sind dann gut, wenn man sich dabei in einem Umfeld von Leuten befindet, die den Tango mit Leidenschaft und als echte Könner betreiben. Ansonsten verbringt man zwar einen netten Abend, entwickelt sich tänzerisch aber nicht weiter.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Es geht nicht darum, nur mit Superstars zu tanzen und allen Hobbytänzern Körbe zu verteilen. Das möchte ich dem Nachwuchs auch nicht geraten haben. Doch ich denke, wenn der Fokus allein auf der Freizeitgestaltung liegt, dann kommt man nicht weiter. Es gibt auch viele junge Tänzer, die von einem Tango-Marathon zum nächsten reisen. Auch wenn es tolle Marathons gibt, strapaziert das auf Dauer den Geldbeutel und macht aus einem noch lange keinen Profi-Tänzer. Wenn man diese Ambitionen, Tango richtig zu können, nicht (!) hat, dann sehe ich im Socializing auch keine Falle.

 

 

Die Geschichten-Erzähler

 

Viele Frauen kennen das: Sie ist neu im Tango, fasziniert von dieser Welt, hat sich hübsch gemacht und geht vielleicht zum ersten oder zweiten Mal in eine Milonga. Und ist dann natürlich schnell umgeben von Milongueros, die sie beeindrucken wollen. Nicht wenige von denen nehmen für sich in Anspruch, die Tango-Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Sie beziehen sich auf Buenos  Aires, erzählen ihr, dass dort der „echte“ Tango getanzt wird und werden einige Tipps für sie auf Lager haben (manche unterrichten auch gerne auf der Tanzfläche).

Ich möchte der Nachwuchs-Tanguera zurufen: Mach die Augen auf, schau dir an, wie sie tanzen und entscheide dann, ob du denkst, dass sie tatsächlich was vom Tango verstehen oder nicht. Gib nichts auf Halbwissende, die dich nur verwirren!

Natürlich kommen viele super Tänzer aus BsAs (es gibt aber auch weniger gute und viele  mittelmäßige) und ich will es nicht bezweifeln, dass die Tänzer, die dort hingefahren sind, ein tolles Erlebnis hatten. Doch es gibt auch in Europa und anderen Teilen der Welt großartige Tänzer, die eine faszinierende Tangokultur verkörpern und leben.

Neben den Erlebnis-Erzählern gibt es auch die „Lyriker“. Das sind häufig Argentinier oder Europäer, die Spanisch gelernt haben oder gerade lernen. Sie wollen mit der Lyrik beeindrucken. Das ist auch in Ordnung, aber man sollte von dieser Fähigkeit, Liedtexte zu kennen nicht auf das Tänzerische schließen. Auch hier sollte man sich nicht verwirren lassen und die Augen aufmachen, wenn sie tanzen … und dann beurteilen. Ich denke da immer an eine Szene vom Film „The Tango Lesson“: Sally, die Hauptdarstellerin besucht eine Milonga in Paris und setzt sich neben einen Mann. Gerade läuft das Stück “Pensalo bien” von D’Arienzo. Der Mann fragt sie: „Do you know this song?“ Sally, die noch neu in der Szene ist, kann nichts dazu sagen und ist irritiert. Da fängt der Mann an, den Song-Text wiederzugeben – mit einer tiefen, sehr rührenden Stimme:
„Think hard before you take this step. Because once you’ve taken it there may be no turning back. Think hard because I’ve loved you so much and you’ve thrown it away, perhaps for another love…”
Sally schaut tief beeindruckt in seine Augen. Dann fordert der Mann sie zum Tanzen auf. Sie steht auf. Der Mann ist anderthalb mal so groß wie sie und tanzt, als ob er einen Stock verschluckt hätte – und unmusikalisch. Tänzerisch also ein Reinfall…. Die Tango-Lyrik zu kennen ist das eine, Tanzen können ist das andere.

Die Geschichten-Erzähler und die Lyriker findet man in jeder Tango-Szene und ohne sie würde der Szene auch wirklich etwas fehlen. Das meine ich ganz ernst. Sie helfen einem aber nicht unbedingt dabei, sich tänzerisch weiterzuentwickeln!

 

 

Tango unpersönlich zu tanzen:

 

Ich denke, man sollte beim Tango das Unpersönliche vermeiden. Wenn du ständig den Partner wechselst und Tango mit jedem gleich tanzt, dann verpasst du, was es bedeutet, mit einer bestimmten Person eine intensive Tango-Erfahrung in Symbiose zu machen. Gleichzeitig sollte man – gerade zu Beginn – öfter mal den Partner wechseln, um nicht in Routinen zu verfallen. Das Festklammern an eine einzige Person ist also auch nicht richtig. Wenn du aber einen Tangopartner gefunden hast, mit dem du eine intensive Tango-Erfahrung teilst, dann entwickelt euch zusammen weiter.

 

 

Nicht nur ein „Taker“ sein:

 

Zum Schluss kann ich dem Nachwuchs nur empfehlen, ein „Giver“ zu sein. Jemand, der dankbar ist, ist loyal und sorgt für seine Community. Begib dich nicht in eine reine Konsumentenhaltung. Sei stolz auf den „Stall“, aus dem du kommst und auf die Szene, in die du reingewachsen bist. Wenn dir der Tango etwas bedeutet, dann frag dich, wen du unterstützen möchtest. Frag dich, wie du dem Tango und der Szene etwas zurückgeben kannst. Und wenn du dem Tango und deiner Community etwas zurückgeben möchtest, dann scheu nicht das Risiko. Es gilt, Verantwortung für die Zukunft deiner Tango-Region zu übernehmen. Nicht nur für dich oder für die Tänzer um dich herum, sondern um den Tango nachhaltig lebendig zu halten!

 

 

Zu guter Letzt: Warum ich das alles schreibe:

 

Meine Tango-Traps kommen vielleicht ein bisschen arg belehrend daher. Ich will hier auch schreiben, warum es mir so wichtig ist, die Nachwuchs-Tänzer anzusprechen.

Ich hatte kürzlich ein Buch in der Hand: „Alles kein Zufall“ von Elke Heidenreich. Am Anfang steht ein Zitat von Susan Sontag: „Wenn eine Leidenschaft nachzulassen beginnt, ist es wichtig, sich sofort eine andere zu schaffen, denn die ganze Kunst, das Leben erträglich zu machen, besteht darin, sich an allem ein Interesse zu bewahren.“

Das hat mich über meine Leidenschaft TANGO nachdenklich gemacht: Ich tanze nun seit 30 Jahren. Mein erstes Festival war 1988. Meine Leidenschaft hat bis heute nie nachgelassen. Das Feuer ist nach wie vor stark – und vielleicht heute sogar noch stärker. Da habe ich mich gefragt, woher das kommt. Die Antwort fand ich ziemlich schnell: Es ist der Nachwuchs! Neue Lehrer/innen, neue Tänzer/innen, neue Schüler/innen, neue Teammitglieder und damit einhergehend neue Projekte – all das hält mich wach.

Das Arbeiten mit Yağmur, die erst am Anfang ihrer Karriere steht, fordert und inspiriert mich enorm. Das Leben mit Teresa macht mich „Menschen-sensibel“. Die Projekte, die ich mit Silvana plane, erfordern differenziertes Denken. Ebenso die Diskussionen mit Dima, der jeden Schritt, so trivial und selbstverständlich er auch sein mag, in Frage stellt. Als Dima mir eines Tages damit auf die Nerven ging, bat ich ihn, die “trivialen Schritte“ nicht mehr in Frage zu stellen. Darauf kam eine starke Antwort: “Das habe ich von dir gelernt.” Da dachte ich: “Wow! Dima, 1 zu 0 für dich!”

In diesem Sinne: Ich danke euch!!

 

© Emile Sansour

 

 
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