Was ich dem Nachwuchs mit auf den Weg geben möchte (Teil I)

 

yagmur dima teresa

Im nachfolgenden Text wird aus Gründen der Vereinfachung die männliche Form (z.B. Tänzer, Lehrer, Schüler) verwendet. Selbstverständlich ist hiermit auch immer die weibliche Form gemeint.

 

Die Zukunft des Tangos gehört nicht mir. Die Zukunft gehört der Jugend. Deswegen liegen mir junge Tänzer sehr am Herzen.

Natürlich kann man von seinen eigenen Fehlern lernen, aber es ist viel schlauer, von den Fehlern anderer zu lernen. Deswegen möchte ich hier von ein paar (in meinen Augen) „Fehlern“ berichten, und ein paar „Tipps“ an den Nachwuchs richten.
Es ist schwierig, eine klare Botschaft rüber zu bringen, die nicht missverstanden wird. Wenn man die Dinge klar benennt, aber nicht gleich eine (pseudo)wissenschaftliche Studie als Beleg anführen kann, dann gilt man schnell als arrogant oder als Besserwisser. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, den einzig wahren Weg zu kennen, wie man von einem guten Tangotänzer zum Profi wird. Trotzdem will ich auf der Grundlage meiner Erfahrung klar formulieren und nicht alles relativieren.

 

Ich möchte zu folgenden Punkten etwas sagen:

 

  • Teil I: Worauf es beim Tangolernen ankommt

  • Teil II: Was es zu vermeiden gilt

  • Teil III: Von wem und wie man am besten lernt

 

Den Abschluss dieses Beitrags hat dieses Mal Yağmur geschrieben – ich wollte den Nachwuchs quasi selbst zu Wort kommen lassen!

 

 

Teil I: Worauf es beim Tangolernen ankommt

 

Wenn du richtig Tango tanzen willst und nicht nur ein bisschen zur Freizeitgestaltung, dann sind aus meiner Sicht folgende Punkte wichtig:

 

 

a) Lerne, deinen Körper zu einem Tangokörper zu formen

 

Zum ersten Mal ist mir das bewusst geworden, als ich über mehrere Tage ein Tango-Seminar gegeben habe, an dem Tanzlehrerpaare teilgenommen haben. Bis auf ein bis zwei Paare unterrichteten die Lehrerpaare alle möglichen Tänze. Alle waren ziemlich musikalisch, relativ jung und sehr motiviert. Und trotzdem hatten sie enorme Schwierigkeiten, die einfachsten Sachen umzusetzen. Schon alleine eine leichte Oberkörperdrehung war für viele eine echte Herausforderung, weil ihr Oberkörper fest und immer nach oben gestreckt war. Auch hatten viele ihr Becken nach rechts gedreht und nach vorne gekippt. Bei ein paar Frauen, die vom Salsa kamen, war die Hüfte enorm beweglich und schwang bei jeder noch so kleinen Bewegung mit. Wieder andere hatten die Angewohnheit, die Schritte eher hüpfend auszuführen. Bei einigen Paaren konnte ich auch beobachten, dass zwar jeder seinen Teil der Schritte tanzt, sie als Paar aber nicht wirklich verbunden waren.

 

Ich habe für mich daraus die Lehre gezogen: Ohne einen Tangokörper wird es sehr schwer sein, im Tango bestimmte Elemente hinzubekommen. Was ich mit einem Tangokörper genau meine, das muss ich eigentlich mal in einer Art „Sonderausgabe“ in diesem Blog verdeutlichen, hier nur ein paar Anhaltspunkte: Ich meine damit nicht eine bestimmte Anatomie oder einen besonders athletischen Körper. Ein Tangokörper ist ein verformbarer Körper. Damit dein Körper elastisch wird, musst du verstehen, was du mit deinem Körper alles anstellen kannst und in welchen Situationen du deinen Körper wie verformst. Du musst deinen Körper zu einem Tango-Körper formen, dabei lernen, deine Gelenke einzusetzen und flexibel zu sein. (Nicht zu verwechseln mit einem “Pudding-Körper” oder mit einem ständigen Hüftschwung.)

 

Der Tangokörper passt sich an, je nachdem, was du tanzen möchtest. Dein Körper muss wissen, wie er in Balance bleiben kann. Welche Position die Füße, das Becken, der Kopf, die Arme in einer bestimmten Situation einnehmen müssen, damit du in Balance bist, deinen Partner nicht zu Fall bringst und die Ästhetik rüberkommt.
Bis heute sehe ich auch etablierte Tangolehrer, die diesen Körper nicht haben. Dann wird die einfache Umarmung im Salon- oder Milonguero-Stil zur Bewährungsprobe für den Rücken, so dass manche davon Kreuzprobleme bekommen. Dann sucht man die Erklärung dafür woanders und klammert fest an überholten Konzepten. Meiner Meinung nach liegt das genau am fehlenden Tangokörper!

 

Mittlerweile gibt es in vielen Städten in Deutschland Lehrer und Tänzer, die einen Tangokörper haben und diesen auch so einsetzen. Es ist wichtig, Vorbilder zu haben, die du oft vor deiner Nase siehst. Genau von solchen Lehrern musst du lernen und sie regelmäßig in der Milonga beobachten. Es reicht nicht, wenn dir jemand etwas „gut“ erklärt. Wenn dir jemand etwas erklärt, muss er es auch in allen möglichen Varianten und in der Dynamik demonstrieren können, er muss es leben. Denn was man sieht, beeinflusst die eigene Art, zu tanzen. Das funktioniert auch unbewusst, manche meinen, das liegt an so genannten Spiegelneuronen.

 

Ein sehr berühmter Satz unter Tänzern lautet: „Lerne, mit dem Auge zu stehlen!“ Deshalb ist es wichtig, sehr gute Tänzer als Lehrer oder Vorbilder zu haben!

 

 

b) Lerne, musikalisch zu tanzen

 

Beim Tango bewegen sich zwei Körper zur Musik. Die einfachste Form, zur Musik zu tanzen, ist, dass man den Puls raushört, d. h. zu jedem Schlag der Musik wird z. B. ein Schritt setzt. Doch um ein richtig guter Tänzer zu werden, musst du die Musik abbilden, nicht nur den Takt. Geschwindigkeit verändern, verschiedene Instrumente heraushören und zu diesen tanzen, mal die Melodie, mal den Rhythmus betonen, etc.. Du lernst, Akzente zu setzen oder weich und fließend zu tanzen, mal das Verspielte abzubilden, mal das Emotionale und du lernst, wie man Spannung aufbauen kann.

 

 

c) Tango ist nicht gleich Tango

 

Wenn du verschiedene Elemente beherrschst, deinen Tangokörper geformt hast, wenn du improvisieren kannst und die Musik abbilden kannst, dann hast du schon eine Menge verstanden. Eine weitere Stufe ist das mehrdimensionale Rezipieren beim Tanzen. Du benötigst alle Sinne zum Tanzen. Wenn du einen Schritt machst, machst du nicht nur einen Schritt. Du nimmst deine Umgebung wahr, bist sensibel für deinen Partner, du nimmst die Musik, die Gerüche, die Umgebung mit allen Sinnen auf – das verändert die Art, wie du einen Schritt setzt.

 

 

d) Sei am Puls der Zeit!

 

Der Tango ist ständig in Entwicklung. Wenn man z. B. die Geschichte des Boleos zurückverfolgt, wird das sehr deutlich. Der Boleo der Frau hat sich ständig weiterentwickelt. Heutzutage gibt es viele verschiedene Arten von Boleos: Der Boleo war anfangs eine reine-einfache Bewegung, entweder waagerecht oder tief auf dem Boden. Inzwischen gibt es auch rotierende, lineare und hohe Boleos, Boleos außerhalb der Achse sowie Boleos als kombinierte-mehrdimensionale Bewegungen, z. B. Boleos in Drehungen und bei Richtungswechseln. Auch im Milonguero-Stil und Nuevo hat sich viel verändert und man hat viele neue Erkenntnisse dazu gewonnen. Im Milonguero-Stil beziehen sich diese neuen Erkenntnisse nicht nur auf die Schritttechnik, sondern auch auf die Umarmung, Verbindung und Kommunikation im Paar, Körperdynamik und Musikalität insbesondere bei der Frau bzw. Folgenden.

Ein richtig guter Tänzer ist nicht nur immer auf dem neuesten Stand, sondern trägt selbst zur Entwicklung bei!

 

© Emile Sansour

 

 
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