Vom Lernen und Lehren

 

inTango Weekend - Tag 1 - 09.06.2016 - Die Goldene Rose - Heidelberg - 050Ich unterrichte seit ca. 25 Jahren Tango. Wenn ich meine Aktivitäten in den verschiedenen Städten mal überschlage, dann dürften das mehr als 20.000 Tangostunden sein, die ich unterrichtet habe. Insofern haltet mich bitte nicht für arrogant, wenn ich behaupte, ich könnte über das Thema Lernen und Lehren im Tango ganze Bücher füllen. Ich versuche trotzdem, mich einigermaßen kurz zu halten. Im nachfolgenden Text wird aus Gründen der Vereinfachung die männliche Form (z.B. Schüler, Lehrer, Tänzer) benutzt. Selbstverständlich ist hiermit immer auch die weibliche Form gemeint.

 

Unterricht in Gruppen hat gerade beim Tango so seine Tücken: Die einen verstehen eine Kombination direkt beim ersten Zuschauen, die anderen brauchen es drei Stufen langsamer und nehmen weniger über das Zuschauen auf, weil sie es gewohnt sind, die Schritte angesagt zu bekommen. Wieder andere verstehen zwar die Abfolge, können ihren Körper aber nicht flexibel einsetzen, u.s.w.. Ganz zu schweigen von den Paaren, die sich untereinander erst einigen müssen, wer eigentlich der Führende ist. Kein Wunder also, dass über Tangolehrer immer sehr unterschiedliche Meinungen kursieren: Er erklärt zu wenig, zu schnell, zu langsam, zu viel, etc.. Diese Meinungen haben für den Einzelnen ihre Berechtigung, sie sagen aber nur etwas darüber aus, wie der Einzelne mit einem bestimmten Lehrer zurechtkommt. Diese Meinungen besagen noch nichts über die Qualität eines Lehrers.

 

Ich habe mal gehört, Intango-Schüler seien die Figuren-Tänzer. Oder sie tanzen nicht die Ronda. Natürlich gibt es unter unseren Schülern auch den einen oder anderen Rowdy, der die Tanzrichtung nicht immer einhält, obwohl wir das bei Intango in allen Kursen predigen. Zu unseren Schülern zählen zwar auch Figuren-Tänzer, aber es finden sich genauso überzeugte Milonguero-Stil-Anhänger. Es gibt die klassischen Salon-Liebhaber genauso wie die Neo- und Non-Freaks. Darüber hinaus haben wir viele Anfänger, die wir früh für die Milonga begeistern wollen. Nicht wenige meiner ehemaligen Schüler sind mittlerweile auch Tangolehrer und unterrichten in vielen Städten im Inland und Ausland.

 

Die Vielfalt ist auch deshalb so groß, weil ich meine Schüler nicht auf einen bestimmten Stil festlegen möchte und eine ganzheitliche Herangehensweise vertrete. Das ergibt sich aus meiner Biographie als Tangolehrer:

In den 90ern waren Todaro und Pepito die großen Vorbilder im Tango. Viele orientierten sich an ihrem Stil, der u. a. durch eine starke Kombinatorik geprägt war. Ich habe selbst von Todaro und Pepito viel profitiert. Todaro war eine große Inspirationsquelle. Doch bald war ich ein Gegner seines Stils und habe ihn verflucht. Denn die Europäer, die sich an Todaro orientierten, tanzten seine Figuren einfach ab – ohne Seele. Auch sämtliche Argentinier konnte ich bald nicht mehr sehen. Hatte man einen gesehen, hatte man alle gesehen. Sie kamen in ihrem feinen Anzug, knüpften ihr Sakko zu, starteten ihren Tanz mit einem langen Seitschritt. Und dann kamen leblose Abfolgen und Drehungen – oft viel zu hart… Da habe ich mich umorientiert. Ich wurde zum Hasser von jeglichen Figuren. Ich wollte, dass meine Schüler weich tanzen, in der Musik; dass sie improvisieren und authentisch tanzen. Ich habe den Grundschritt eliminiert, den Rückschritt verboten und die geschlossene Umarmung forciert. So kam ich zu Tete. Ihn habe ich zum ersten Mal nach Deutschland geholt, nach Heidelberg und Stuttgart, und seine Workshops beworben mit den Worten: „Tango, wie Gott ihn gewollt hat!“ So habe ich Milonguero eingeführt und fünf Jahre lang nur geschlossen getanzt. Ein guter Freund und ehemaliger Schüler hat sich später bei mir dafür bedankt. Er sagte, nachdem er aus Argentinien zurückgekommen war: „Hätte ich bei dir nicht Milonguero gelernt, dann wäre ich in Buenos Aires hoffnungslos überfordert gewesen!“

 

In dieser Zeit hat sich die Szene beruhigt. Auf einmal fingen dieselben Leute, die vorher hölzern ihre Figuren abgetanzt hatten, an, vom „Gefühl“ und vom gepflegten Tanzen im Salon zu sprechen. Figurentanzen war auf einmal verpönt. Und so fing ich an, die Umarmung wieder zu öffnen. Denn ich wollte meine Schüler eigentlich nie nur auf Milonguero beschränken. Ich wollte, dass sie sich mit Tango ganzheitlich beschäftigen. Nun unterrichte ich alles, auch den Grundschritt, den ich fünf Jahre lang verflucht hatte, auch Enrosques, Sacadas und Ganchos, sogar den Rückschritt, den ich meinen Schülern verboten hatte. Der Preis davon ist, dass es immer Leute geben wird, die diese Elemente im Salon nicht adäquat einsetzen können und die Milonga dadurch stören.

 

Trotzdem dürfen wir den Tango deswegen nicht begrenzen. Das wäre so, als wenn nur noch Autos mit ganz wenig PS gebaut werden dürfen, damit wir keine Raser auf den Autobahnen haben. Man kann grundsätzlich (fast) alles, was der Tango zu bieten hat, auch in der Milonga tanzen. Man muss jedoch achtsam und sensibel sein: Für Raum, Zeit, Tanzpartner und Mittänzer! In diesem Zusammenhang habe ich mich über ein Kompliment gefreut, das ich erst kürzlich von einem sehr sympathischen Tänzer aus unserer Szene erhielt. Er sagte mir: „Du machst die irrsinnigsten Sachen in der Milonga, aber ich habe dich nie gegen Leute rempeln sehen!“

 

Wie ich schon sagte, kann es immer sein, dass ein Schüler mit dem Unterrichtsstil eines Lehrers nicht so gut zurechtkommt. Das allein sagt aber noch nichts über die Qualität dieses Lehrers aus. Woran kann ich also nun einen guten Lehrer erkennen? Ich denke, man kann zwischen „harten“ und „weichen“ Kriterien unterscheiden. Zu den „weichen“ Kriterien gehören für mich Aspekte wie: Vermittelt der Lehrer Spaß am Tango? Kann er die Schüler inspirieren? Wählt er das Niveau entsprechend der Gruppe? Baut er die Inhalte systematisch aufeinander auf? Vermittelt er den Schülern das soziale Tanzen in der Milonga? Etc.. Diese „weichen“ Kriterien sind besonders für Anfänger sehr entscheidend, damit sie nicht frustriert werden und dem Tango dann keine zweite Chance mehr geben. Diese „weichen“ Kriterien sind jedoch nicht mit tänzerischer Qualität zu verwechseln. Ab einem bestimmten Level sind sie nicht mehr ausreichend.

 

Um tatsächlich von einem guten Lehrer zu sprechen, von einem Maestro, sind für mich die folgenden „harten“ Kriterien aber entscheidender, da sie objektiver zu beantworten sind:

 

  • Der Lehrer muss ein sehr guter Tänzer sein. Denn Tango lernt man immer noch in erster Linie durch Nachahmen.

  • Der Lehrer muss ein vollständiger Tänzer sein, d.h. er muss sowohl beide Rollen (Führen und Folgen) als auch sämtliche Stile beherrschen.

  • Der Lehrer muss nicht immer alles erklären (das kann auch überfordern oder dazu führen, dass sehr kopflastige Menschen ihr natürliches Körpergefühl verlieren), aber er muss in der Lage sein, alles zu erklären.

  • Der Lehrer hat bereits sehr gute Schüler hervorgebracht, die deutschlandweit oder international auf einem Top-Niveau mittanzen können.

 

In diesem Sinne: Lehre deine Schüler die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Tango. (Frei nach Antoine de Saint-Exupéry)

 

© Emile Sansour

 

 
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