Über Musik-Richtungen und den wahren Wert von Tango-DJs

 

Ober_OberIch bin ein Liebhaber der „Época de Oro“. Ich könnte Tango-Nächte lang zu 100 % klassischer Musik mit purem Vergnügen tanzen. Zwar habe ich auch kein Problem damit, wenn moderne Stücke gespielt werden, auf manche davon habe ich auch schon vorgetanzt, doch war ich lange davon überzeugt, dass man als Tangotänzer auf jeden Fall einen Zugang zu den Klassikern finden muss. Nun, die beiden folgenden Geschichten haben mich diesbezüglich etwas nachdenklich werden lassen:

 

Einmal habe ich einen Bekannten (der noch keinen Tango tanzte) zu einer Milonga eingeladen. Er verbrachte über eine Stunde in der Milonga, bevor ich dazu kam und fragte mich dann: “Habt ihr eigentlich keinen DJ?” Ihm sei aufgefallen, dass den ganzen Abend die gleiche Musik liefe. Dabei war doch unser Dima der DJ! Ich ging zu Dima und fragte ihn, ob er die Musik einfach so laufen ließe. Daraufhin antwortete er: “Nein, ich habe mir schon einen Ablauf überlegt.” Mhhhh…. Obwohl Dima verschiedene Orchester ausgewählt hatte und noch nicht einmal ausschließlich klassische Tangos aufgelegt hatte, empfand mein Bekannter die Musik als eintönig.

 

Ich erinnerte mich an einen Witz, in dem eine Europäerin sieben Chinesen ständig verwechselt hat. Ein Chinese differenziert zwischen einzelnen Chinesen, ein Europäer denkt: Die sind doch alle gleich! So ist es bei manchen mit der Tangomusik: Wenn mache Menschen die Musik, die wir lieben, als eintönig empfinden, dann nützt auch jegliche Argumentation nichts: „Aber Orchester A ist doch gaaaaanz anders als Orchester B“. Ich denke, wir dürfen unseren eigenen Geschmack anderen Leuten nicht aufzwingen. Natürlich kann man sich in die Tangomusik reinhören und mit der Zeit lernen, zwischen den Stücken zu differenzieren. Vielleicht lernen viele die Klassiker mit der Zeit auch lieben, aber eben nicht alle.

 

Dazu eine zweite Geschichte:

Ein guter Bekannter und Betreiber einer Milonga hat Teresa kürzlich als DJane eingeladen. Als ich gefragt habe, ob er bestimmte Richtungen bevorzuge, antwortete er: „Ich habe nur eine Bitte: KEINE ALTEN TANGOS MIT ALTE-MÄNNER-GESANG!” „Oh… Ok”, sagte ich, “aber warum?” Seine Antwort kam prompt: „Ich habe lange in Süd- und Mittelamerika gelebt und tanze jetzt seit mehr als 25 Jahren. Bei den Tango-Liedtexten handelt es sich um: ‘Gegrillte Scheiße’!” Ich habe sogar nachgefragt, ob er tatsächlich „gegrillt“ meinte oder, ob das womöglich eine Autokorrektur von „gequirlt“ war. Darauf versicherte mir mein Bekannter: „Nein, nein, ich meinte ‘gegrillt’. Das ist die Steigerungsform von ‘gequirlt’!”

 

Mein Bekannter ist ein leidenschaftlicher Tangotänzer, kein Anfänger. Trotzdem kann er mit bestimmten klassischen Tangos nichts anfangen, ja empfindet sogar eine starke Abneigung. Ihn vom Gegenteil zu überzeugen, wäre sinnlos. Über (Musik)Geschmack lässt sich nun mal trefflich streiten.

 

Die beiden Geschichten sind nur exemplarisch für die grundverschiedenen Positionen, die in der Tangoszene zum Thema Musik anzutreffen sind. Auch Leute, die eine bestimmte Musikrichtung nicht mögen, können leidenschaftliche Tangotänzer sein. Trotzdem gehören die Klassiker und auch die alten Tangos mit Männergesang zur Kultur des Tangos dazu – ebenso wie moderne Tangos mittlerweile ihren festen Platz in den Milongas haben. Man muss das ganze Spektrum anbieten (in einer gut dosierten Mischung). Nicht jeder muss auf jedes Stück tanzen können oder wollen. Und wenn ein Stück in den Ohren eines Einzelnen mal „schramm-schramm“ oder – andererseits – zu experimentell daher kommt, dann sollte man m.E. nicht lautstark protestieren, sondern die Runde einfach aussetzen und bei der nächsten Tanda wieder einsteigen.

 

Problematisch ist der Hang zum Extremen in beide Richtungen: die Konservativen mit ihrer 100-prozentigen Eintönigkeit (zumindest empfinden das manche so) und die 100-prozentigen NONisten, die nicht davor zurückschrecken, uns ihren z.T. gruseligen Geschmack aufzuzwingen.

 

An dieser Stelle möchte ich auch noch etwas zum Thema DJs loswerden: Früher war ich der Meinung, der DJ im Tango sei überbewertet. Man könnte genauso gut einen Zufallsgenerator aktivieren. Doch nach ein paar frustrierenden Besuchen auf Milongas wurde mir klar, dass ich mit dieser Annahme falsch lag: Die schönste Tango-Location wird fad und lässt mich einschlafen, wenn die Musik nicht stimmt. Mittlerweile weiß ich Teresas Job daher sehr zu schätzen. :-)

 

Natürlich gibt es ein paar Grundsätze für den DJ. Er muss sich mit den Orchestern auskennen, den Abend abwechslungsreich gestalten, Milonga und Vals dürfen nicht fehlen usw.. Ein guter DJ spielt aber nicht nur eine gut ausgetüftelte Playlist ab, sondern reagiert auf die Menschen und die Stimmung im Raum. Ein guter DJ braucht eine gewisse emotionale Intelligenz. Darin liegt sein wahrer Wert, so meine ich.

 

Obwohl ich mittlerweile davon überzeugt bin, dass man in der Milonga einen DJ braucht, bin ich skeptisch, wenn ein großer Hype um bestimmte DJs gemacht wird. Hierbei habe ich den Verdacht, dass es weniger um ihre Qualitäten geht, die passende Musik für den richtigen Moment auszuwählen, sondern dass diese vor allem deshalb sehr gefragt sind, weil sie Tausende Freunde auf Facebook haben und ordentlich Werbung machen können.

 

Nur weil ein DJ kommunikativ ist, viele Freunde hat oder Musiker ist, heißt das eben noch lange nicht, dass er ein guter DJ ist. Da besteht kein kausaler Zusammenhang. Das gilt übrigens genau so wenig für Marathon-Gänger. Nur weil man regelmäßig zu Marathons geht, heißt das nicht, dass man ein guter Tänzer ist.

 

Aber zurück zur Musik: Am meisten lieben wir einen DJ doch, wenn er die Musik so auswählt, dass wir folgendem Zitat einfach nur zustimmen möchten:

 

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

 

© Emile Sansour

 

 
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